Studenten während der Semesterferien exposed oder: Zu Besuch im Faultier-Waisenhaus.

Das wurde mir* heute zugeschickt. Der Kommentar lautete: “Das ist ja so süss! So eines will ich haben!”

Ich vermeide das Wort süss. Und ich will auch kein Baby-Faultier haben. Aber ich glaube, ich möchte eins sein!



Kann man das eigentlich nicht gut finden? Danke, M., ich hoffe, du findest bald ein süsses Faultier. Oder ein anderes äusserst liebenswürdiges behaartes Lebewesen, das am liebsten fressend und sich gelegentlich zufrieden am Arsch kratzend in deiner Wohnung rumhängt.



*Und gemäss Mailprogramm noch etwa zwanzig anderen ehemaligen Mitschülerinnen, willkommen im Privatsphärezeitalter.

Nackenhaare auf 90°.

Die Rahmenhandlung* ist nicht spektakulär. Sie illustriert höchstens drei Dinge, die wir schon lange wissen:

1. Jungs, die schon in der Primarschule richtig gut ein Instrument spielen, können einfach nicht kämpfen.
2. Das immergrüne Szenario einer Kneipenschlägerei: Zwei hauen sich, keiner weiss, warum und am Ende muss es wieder die Bitch regeln.
3. Und natürlich, fast unauffällig: Cello = Sexappeal**

Aber: Die Musik! So viel Wahnsinn in so wenigen Tönen. Und so viel Meisterklasse. Das muss man erlebt und durchlitten haben. Und Hausers Marketingkonzept greift dermassen unerbittlich, dass man ihm dafür sogar als Mann*** Respekt zollen darf: Beherrschen eines Instruments plus Britpop-Stirnfransen, Lederjacken und homoerotisches Gefunkel - da weiss einer, wie man Geld verdienen kann. Bra-vo!





* , die mir erst mal noch schlüssig beweisen müsste, dass sie diesen Namen verdient
** Bewusst ohne Mengenangabe.
*** Ich habe das bestätigen lassen. Von einem, der sein Geld mit dem männlichsten aller Instrumente verdient. Falls Sie das auf obszöne Gedanken bringt, holen Sie Hilfe. Ich spreche von einem Schlagzeug.

Warum machen wir das bloss II

Eine bei Weitem nicht abschliessende Liste von Dingen, bei denen ich Menschen* immer wieder beobachte, und nie verstehe, warum sie das tun.

- Einander ausführlich eklige Speisen in allen möglichen unverdauten und verdauten Zuständen beschreiben. Niemand will das hören, oder?

- Einander Sachen zum probieren anbieten, die man selber soeben für widerlich befunden hat. “Probier mal, das schmeckt grauenhaft / verdorben / brechreizend!”

- Leere oder praktisch leere Gebinde, vorzugsweise Milchflaschen, zurück in den Kühlschrank stellen. Ist es Reflex? Oder Faulheit?**

- Einander aus dem Zug anrufen, um zu sagen, dass man “gleich da” oder “gleich zu Hause” ist***.

- Sich über mühsame Eigenschaften an jemand anderem ärgern, die man bzw. weil man sie selber hat. Anstatt Koalitionen oder zumindest Selbsthilfegruppen zu bilden!


Kann mal bitte jemand hinreichend begründen, warum das so ist? Und es dann in Buchform bringen, mir widmen und ein Exemplar nach Bern schicken, danke.




*, mich selbst eingeschlossen,
**Weil der Mülleimer weiter weg ist als der Kühlschrank, vor dem man ja immer noch steht, weil man ja aus der Flasche getrunken hat, weil man nämlich auch zu faul war, um sich ein Glas zu nehmen.
*** Ist nur legitim, wenn darauf mindestens die Frage “Soll ich noch was vom Laden am Bahnhof mitbringen?” folgt.

Eine düstere Warnung zum Jahresbeginn.

Teenager sind in Ordnung. Ich ertrage sie relativ problemlos. Ich fühle sogar mit ihnen. Deshalb schärfe ich denen, mit deren Ausbildung ich betraut bin, immer wieder ein: Rappen ist grundsätzlich cool*, aber lasst euch dabei um Himmels Willen erst aufzeichnen, wenn der Stimmbruch vorbei ist!



Ich würde gerne mehr zu dem Thema sagen, aber muss jetzt meinen Swag aufdrehen gehen. Frohes Neues!



*obwohl “meine” Teenager schon lange nicht mer so alte Wörter wie “cool” benutzen.

Respektabel verhunzt.

Gut produzierte, aber trotzdem schlechte Filme sind etwas Schreckliches. Aber gut produzierte Verarschungen solcher Filme muss man lieben. Ich freue mich auf diesen hier:



Leider kommt er nicht rechtzeitig raus, um als ideales Weihnachtsgeschenk für geschädigte Frischverliebt-und-deshalb-ins-Kino-mitgegangene Freunde, ältere Brüder und vom Wahn betroffene (humorrobuste) Eltern herzuhalten. Aber die haben ja auch alle noch Geburtstag.

Besser Leben mit iTunes.

Ich stand schon immer auf dieses Brief-an-sich-selber-schreiben-und-in-ein-paar-Jahren-lesen-Ding, aber das ist noch viel besser:

Ich bin ein grosser Fan meines eigenen Musikgeschmacks, deshalb höre ich mich ab und zu gern mal durch “Meine Top 35”, die iTunes freundlicherweise ständig für mich ermittelt und aktualisiert.

Heute war ich bei meinen Eltern, wo ich meinen ersten iPod fand, der nun gut zehn Monate lang nie an mein iTunes angeschlossen war. Auf dem ganzen Weg zurück in mein neues Zuhause hörte ich mich also durch meine Top 35 von damals - die Songs*, die mich vor zehn Monaten glücklich oder sonstwie betroffen gemacht haben. Das ist so ähnlich wie ein Brief von früher. Und hat mich auf eine Idee gebracht, die ich gerne teilen will.

Liesenhausens Ratschlag für ein besseres Leben No. 352: Speichern Sie jährlich einmal** die “most played”-Liste des Musikwiedergabeprogramms Ihres Vertrauens in einem eigens dafür angelegten Ordner. Staunen und Wiederentdecken garantiert.


Es gibt offenbar vier Songs, die über die letzten zehn Monate in meiner Top 35 verblieben sind. Und das ist die Art von Statistik, die mich interessiert. Das Verrückte ist: Zu jedem der Songs gibts mindestens eine Geschichte. Und sie fallen einem alle wieder ein. Probieren Sie’s aus!



*Natürlich war der Akku voll geladen. Ist ja mein iPod.

**Zum Beispiel immer zu Weihnachten.

*** Like a rolling stone (Bob Dylan), It’s about time (Jamie Cullum), Perfectly Lonely (John Mayer), This old heart of mine (The Isley Brothers)

Grosses Glück, kalter Ärger.

Es hätte alles so schön sein können. Ich wollte die Welt darauf hinweisen, wie glücklich es mich macht, wenn mein immer wieder liebster Autor einen mir immer wieder lieben* Künstler porträtiert, interwievt, vorsichtig bejubelt, verewigt. Aber als ich den wunderbaren Artikel mit der Welt teilen wollte, stiess ich auf die folgende Nachricht:


Unsere Artikel sind ab jetzt nicht mehr gratis auf der «MAGAZIN»-Webseite zugänglich. Dafür ist «DAS MAGAZIN» ab sofort auch als iPad-Version erhältlich. Die digitale Version des «Magazins» umfasst zusätzliche Texte, Bilder und Videoclips. Der Preis pro Ausgabe beträgt 1.10 Franken.


Was bitte soll ich mit einer s. v. iPad-Ausgabe für einen Stutz zehn? Ich will das richtige Ding, im Digitalformat, jederzeit, in voller Länge, um es zum Beispiel meinen Freunden zu zeigen, in Arbeiten zu zitieren, meinen Schülern aufzuzwingen, kurz: es unsterblich zu machen! Was seid ihr eigentlich für Deppen, die mir das versagen?

Das Dumme ist: Ich liebe euer Heft trotzdem. Trotz der gefühlten 793 Layoutänderungen, die ich schon miterlebt habe, und die ich alle ziemlich daneben fand. Ich liebe die Arbeit, die darin steckt. Ich liebe die Bilder. Ich liebe das Magazin. Und keine Tamedia der Welt kann daran etwas ändern.





*oder gar immer lieberen, man wird auch älter

Grundbegriffe.

Gnade:
Nach zwölf Stunden im Büro feststellen, dass man für die Arbeit, für die man die nächsten vier Stunden auch noch zu opfern bereit war, noch zwei Wochen länger Zeit hat.


Freundschaft:
Sich freuen, dass jemandem ebendiese Gnade widerfahren ist, obwohl man sein eigenes *ADVERB ZENSIERT* Portfolio sehr wohl morgen abgeben muss.


Liebe:
Tatsächlich extra in der Landi Thermowäsche kaufen gehen, damit man YB auch an diesem sibirischen Tag am Spielfeldrand die Treue halten kann. Respect!

Traumberufe sortieren.

Eine Anleitung in zehn Schritten, Handhabung mit der nötigen Ernsthaftigkeit empfohlen.


1. Das Spiel eignet sich besonders für inhaltsarme Vorlesungen, lange Zugfahrten oder Küchentischgespräche mit alten oder potenziellen neuen Freunden / Mitbewohnern / Reisebegleitungen / Scheinehepartnern etc. Letztere Empfehlung basiert auf der von Dr. Wundermann bereits früher proklamierten Hypothese , dass es viel über einen Menschen aussagt, was er werden wollte, als er klein war*.

2. Man nehme ein grosses weisses Blatt und je nach Ernsthaftigkeit einen oder mehrere** Stifte.

3. Man schreibe, intuitiv und scheinbar planlos über das Blatt verteilt alle Namen von Berufen auf, die man jemals für erstrebenswert hielt***.

4. Man ergänze die Sammlung um die Berufe, mit denen man sich ernsthaft auseinandergesetzt hat. Hoffentlich gibt es hier erste Überschneidungen.

5. Man ergänze die Sammlung um die Berufe, von denen einem mindestens halbwegs vernünftige Leute einmal gesagt haben, dass man sich dafür gut eignen würde. Auch hier sind Überschneidungen wahrscheinlich, lassen Sie sich nicht beirren.

6. Verbinden Sie Berufe, die Ähnlichkeit miteinander haben, durch Linien. Falls sie zwanghaft ganz gerade Linien ziehen müssen, sprechen Sie mit Ihrem Therapeuten darüber.

7. Bemühen Sie nun wenn möglich eine neue Farbe. Streichen Sie alle Berufe durch, die für Sie nicht mehr in Frage kommen. Überprüfen Sie jeweils beim Streichen eines Berufes gleich die damit aufgrund von Ähnlichkeit mit Linien verbundenen - gut möglich, dass Sie die gleich mit streichen können. So kommen Sie am schnellsten vorwärts.

8. Lesen Sie sich die übriggebliebenen Berufe aufmerksam durch. Falls Sie neue Gemeinsamkeiten entdecken, markieren Sie diese.

9. Verteilen Sie den verbleibenden Berufen 0-5 Punkte in den Kategorien a) Salär, b) Prestige und c) persönliches Interesse. Falls Sie Kinder haben möchten**** oder bereits haben, ergänzen Sie um Kategorie d) Vereinbarkeit mit Familie.

10. Wiederholen Sie Schritt Nr. 7 unter Berücksichtigung der bei Schritt 9 verteil-ten Punkte. Je weniger Berufe übrigbleiben, desto einfacher für Sie. Bei unmöglichen Entscheidungen sei an dieser Stelle einmal mehr der gute alte Münzwurf***** empfohlen. Viel Erfolg!




Und, was bleibt Ihnen jetzt übrig?






*Natürlich wäre auch zu berücksichtigen, warum er das wollte. Dies sei hier als implizit vorausgesetzt.

**Natürlich in unterschiedlichen Farben. Auch, wenn man nicht Primarlehrerin ist.

***Natürlich auch die, von denen man nie jemandem erzählt hat. Wie, Sie wissen nicht mehr, was Sie als Kind werden wollten? Dann schreiben Sie halt “Astronaut” oder gehen Sie gleich zum Psychiater.

****Natürlich könnte man auch ein blödes Spiel entwickeln, um diese Frage zu klären. Aber das wäre vermessen.

*****Natürlich können auch mehr als zwei Möglichkeiten übrigbleiben. Dann würfeln Sie halt.

Ich bin da so reingeraten.

Ich bin durch die halbe Schweiz gereist, mit Leuten, die durch die ganze Schweiz gereist sind, um einen zu sehen, der äusserst selten in die Schweiz reist.

Den haben wir dann königlich verpasst*. Aber weil der Saal Klasse hatte, der Ticketpreis hoch, die Reise weit und die Stimmung nach wie vor wunderbar war, gab man sich ohne viel Widerstand halt der Show hin, die da als nächstes geboten werden sollte. Ich war seit ziemlich genau einem Jahr nicht mehr ohne jegliche Erwartungen auf einem Konzert: Es stellte sich damals als Bereicherung heraus. Diesmal war es schon eine Art Geschenk. Ich habe an diesem Abend viel Wahnsinn gesehen. Und viel über Groove gelernt. Nicht über die Art von Groove, die ich schon kannte, aber über eine, von der ich noch mehr wissen muss. Und über Imagetricks. Chapeau, Junge, dafür dass du offenbar** vom Castingshow-Ken*** zur geilen Kunstfigur mutiert bist! Und herzlichen Glückwunsch zu dieser Wundertruppe, die dich mehr als würdig begleitet. Yodelice wird wieder kommen. Und ich werde vermutlich dabei sein.




*Natürlich gibt es dazu eine Geschichte. Sie enthält etwa ein Dutzend Verrückte, davon vier Konzertbesucher, drei Techniker, einen Ticketverkäufer, eine Veranstaltertussi und mindestens drei betrunkene Abtaster/Türsteher. Aber die ist wirklich nur interessant, wenn man dabei war.

**Wenn Youtube nicht wäre, hätte ich dem das niemals zugetraut. Und das ist ein Kompliment, das man nicht mit Gold aufwiegen kann.

***Wie bitte, die Jugend von heute weiss nicht mehr, wer Ken ist?

Ein Held.

Da kommt einer fast allein, obwohl er die wildeste Soulkapelle hinter der Bühne hätte, die ich je gehört habe*. Und zeigt, dass er den Groove mit Löffeln gefressen hat. Und das dermassen cool und unaufdringlich und wunderbar. Ist das ein Held?



Nebenbei bemerkt ist der Song ja wohl der absolute Kracher. Und der Text schon schmerzhaft treffend. Was die Frage, die nie eine war, endgültig beantwortet. Sein Konzert in der Kufa war grandios, grandios, grandios. Zu schade, um es in Worten zu zerpflücken! Wer nicht da war, soll am 12. 12. ins Moods gehen oder schon mal mit Dehnen anfangen, damit er sich in den Arsch beissen kann, wenn er merkt, dass ers schon wieder verpasst hat.


*Womit sie die von Amy Winehouse / Mark Ronson ablöst, und die war wirklich - pardon für den Ausdruck - saugeil!

Zehn Dinge IV - Ich bin reif für den Abtransport.

Zehn teilweise unglaubliche Entdeckungen einer einzigen Woche. Wer hätte gedacht, dass das möglich ist?

1. Am Abend des Aufräum-, Heimreise- und Lastwagenausladetags nach dem töllsten Lager der Saison bringt ein ganzer Stall voll Teilnehmer und Leiter noch die Energie auf, bis morgens um Weissnichtwann zu feiern - vermutlich einfach, weil noch niemand richtig heim wollte.

2. Um Punkt 1 zu untermauern: Wie geil muss ein Lager sein, wenn man danach nicht genau sagen kann, ob die Leiter oder die Teilnehmer den schlimmeren Koller haben? Eben!

3. Doch, man kann am Montagmorgen um 7.40 nach einer solchen Woche tatsächlich eine neue Klasse unterrichten.

4. Und ja, die Trotzstrategien aus der Pubertät funktionieren auch mit über 20 noch beim Mitarbeitergespräch.

5. Unter der Woche Konzerte besuchen macht am nächsten Tag nicht müde, sondern einfach unglaublich entspannt.

6. Vokuhilas kommen unaufhaltsam wieder*. Danke Dende.

7. Zweimal hintereinander Blumentopf machts nur noch besser.

8. Sommercasino Basel 1 - Bierhübeli Bern 0**.

9. Man kann mit den Menschen reden, selbst wenns um Geld geht. Das ist geprooft.

10. Man kann sich noch so ausgiebig mit Komplimenten beschäftigen, sie erforschen, sie zerlegen: Plötzlich kommt eines, bei dem einem die Spucke wegbleibt.

10b. Das ist dann hurti etwas peinlich. Aber enorm schön.







* Liesenhausen wird bald öffentlich dazu Stellung nehmen.

** Schon ok. Sie müssen dafür mit dem FCB leben.

Gesundheitsfragen.

- Wenn Kaffee die Brüste schrumpfen lässt, was macht dann Brusttee?

- Wie viel ist dran, dass man aus Solidarität krank werden kann?

- Wer sind die Brüder auf den Klostergarten-Teeschachteln und warum wird all der Platz auf dem Karton nicht verwendet, um etwas über sie zu sagen?

- Wie schnell kann man eine Menge von Flüssigkeit trinken, die ausreichend wäre, um sich darin zu ersäufen?

- Darf man, nur weil die Stimme nichts ist, so tun, als hätte man das Telefon nicht gehört? Obwohl das doch eher eine Anstandsfrage ist.

Die Kundin für Murten.

Was für ein Land!

Wenn ich nicht hier leben würde, ich müsste glatt hinzügeln. Und das Meer könnte mich mal.

(Ok Frankreich, jetzt kannst du wieder hinhören. Jaja, schon gut, nimm die Baguettes aus den Ohren.)

Einerseits ist es natürlich das erbarmungslos zunehmende Alter, das einen so schätzen lernt. Andererseits und akuterweise die gestrige Episode im Intercity. Dafür muss ich etwas ausholen:

In den letzten drei Wochen war ich sieben Mal in Zürich. So auf den ersten Blick geht das noch, finde ich*. Als längst erprobter Mittelstreckenpendler kenne ich also alle Tricks, die eine Zugreise diesen Ausmasses erträglicher machen. Ich weiss, wie man auf den Toiletten zurechtkommt, ohne etwas anfassen zu müssen**, selbst wenn das Licht ausfällt.
Natürlich habe ich mich wie alle Schweizer und Pendler bzw. Kombinationen derselben schon etliche Male über die SBB geärgert. Weil wir zu zweit schon am Nachmittag um drei kein freies Viererabteil mehr fanden. Oder weil die Klimaanlage nicht funktioniert/zu warm/zu kalt eingestellt ist. Oder weil Anschlüsse “infolge Verspätung” einfach nicht mehr da waren.

Zwischen Bern und Zürich wird dieser Tage bzw. Nächte gebaut, deshalb braucht der Intercity nachts immer etwas länger. 13 Minuten länger, um genau zu sein. Das führt regelmässig zu Anschlusspanik***. Gestern hat sich häufig ausgerufene “Zugteam der SBB” etwas ganz Schönes einfallen lassen, um die Menschen zu beruhigen. Fünf Minuten vor Bern verkündete der Zugführer die mittlerweile übliche Verspätung. Und dann:

“Die Kundin für Murten: Der Anschluss ist gewährleistet!”

Die Kundin für Murten. Es hätte ich sein können. Und die Information, dass sie da war und ein Bedürfnis hatte, nach Hause zu kommen, hatte es bis zum Lokführer geschafft. Und der wandte sich auch noch direkt an sie, über Lautsprecher! Wie wichtig kann man sich denn noch fühlen? Es kam noch besser, als er “den Kunden für Konolfingen” sagte, “auch für Sie” würde der Anschlusszug warten. Ich unterdrückte mein Applaudierbedürfnis und freute mich, als hätte eine der Ansagen mir gegolten. Als ich mich wieder zurücklehnte, fühlte ich einen leicht stechenden Widerstand im Rücken: Es war mein schweineteures Generalabonnement.

Was für ein Land!






*Meine Sozialisation war teilweise stark geprägt von Menschen, die in dieser Gegend leben, was mich sehr tolerant gegenüber lautem Reden und erschreckend kompetent in zürideutscher Sprache gemacht hat. Meine Freunde von hier haben manchmal etwas Mühe, das nachzuvollziehen.

**Ein immer wieder hilfreiches Relikt aus einer Keimphobie-Phase.

***Sie wissen schon.

Anpassungen.

Hypothese 1: Es gibt für jeden ein paar Dinge, von denen er denkt, dass die eigentlich jemand produzieren sollte, damit die Welt sie kaufen kann.

Weil das so praktisch wäre für einen selber, dass man gar nicht glauben kann, dass noch niemand die Idee hatte, es industriell zu vertreiben. In diesem Unglauben stellt sich dann meistens berechtigterweise die Frage, ob der eigene Geschmack eben doch nicht unfehlbar und die eigenen Bedürfnisse vielleicht doch etwas eigenartig seien - wenn man ja nicht nahezu alleine wäre damit, würde sicher der Markt die Nachfrage längst durch ein entsprechendes Angebot befriedigen.

Hypothese 2: Mein Geschmack ist tatsächlich unfehlbar. Deshalb passt sich die Welt schrittweise meinen Vorstellungen an.


Dafür gibt es vorläufig zwei Argumente: Ich führe eine Liste mit Dingen, die meiner Meinung nach endlich erfunden oder hergestellt werden sollten. Darauf befand sich lange Zeit der Erdbeer-statt-Waldbeer-Joghurt-Balisto-Riegel. Und was entdecke ich beim Einkauf vor einigen Wochen?Richtig! Den kläglichen, aber ehrbaren Versuch von Mars, mit etwas mehr Mehl das Vakuum zu stopfen, dass die Abschaffung der Lila Pause hinterlassen hat. Na endlich! Geschmacklich hat es dann nicht komplett überzeugt, aber das ist eine andere Geschichte.

Das zweite und ungleich viel wichtigere Argument liefert ein französischer Künstler, der ursprünglich nach dem Baseballs-Prinzip mehr oder weniger aktuelle Hits coverte - nur dass er halt ein Soulman und kein Rockabilly-Kid ist und dementsprechend sogar Plastikpop* in hörgasmische Zeitdokumente der gar nicht so serbelnden festländischen Musikszene verwandeln kann.



Und dann sogar noch mit tollem Video! Vielleicht hat nicht die Welt darauf gewartet. Aber ich!





*Wobei beim ausgewählten Beispiel natürlich im Original nicht von Plastikpop gesprochen werden kann. Aber der gute Mann covert sogar Barbie Girl so, dass einem fast die Löffel wegfliegen.

Alle sind eins.

Leuten, die keine Hobbies haben, schlage ich immer wieder gern welche vor. Man braucht so etwas, da bin ich überzeugt. Neulich habe ich jemandem* geraten, schlimme Gesichter zu sammeln. Diese Gesichter, die jeder Mensch hat und die keinem stehen. Sie verstand überhaupt nicht, was ich meinte. Ich gab ihr als Grundstock für ihre Sammlung die folgenden drei Gesichter mit:


1. Das Gähn-Gesicht. Kein Mensch sieht gut aus, wenn er gähnt. Und trotzdem hat es etwas Tröstliches, etwas Verbindendes (nicht nur, weil es sogar über Fotos und Telefone ansteckend ist), wenn man jemanden sieht, dessen Gesicht gerade nach maximaler Kieferdehnung wieder zusammensackt. Man versteht sofort. Man ist eins.**



Bild ausgeliehen bei http://cootelibeau.files.wordpress.com


2. Das Kurz-vor-dem-Niesen-Gesicht. Man muss nichts dazu sagen. Probieren Sie es schnell aus. Im Büro, zu Hause, in der S-Bahn, wo auch immer. Ziehen sie die Augenbrauen in die Höhe, schliessen sie die Augen halb und spannen sie die Mundwinkel schräg nach unten. Gleichzeitig geräuschvoll nach Luft schnappen - voilà. Keiner sieht dabei gut aus. Das ist aber gut zu Wissen.

3. Das Zungen-Pul-Gesicht. Also das Gesicht, dass man macht, wenn man versucht, mit der Zunge etwas zwischen den Zähnen hervorzupulen. Dabei spielt es keine Rolle, ob hinter den Weisheitszähnen oder vorne zwischen den Schaufeln gestochert und gesaugt wird - man macht ein schlimmes Gesicht. Akut wird es, wenn es mit dem Aufmerksam-Zuhören-Gesicht und gelegentlichem Nicken zu kombinieren versucht wird. Das sollte man keinem Gesprächspartner antun. Ausser, man weiss, dass es ihm guttäte, zu wissen, dass alle Menschen in gewissen Situationen ebenso furchtbar aussehen, wie er sich in den meisten fühlt. Dann würde er wenigstens merken: Alle sind eins, wenn sie schlimme Gesichter machen.

Die nicht minder notwendigen Ausführungen zum Lidstrich-Gesicht und zum Gitarrensolo-Gesicht werden Teil der schriftlichen Dokumentation meiner Foto-Vernissage “Schlimme Gesichter aller Nationen” sein, unterstützt von der Stadt Bern und vom Migros Kulturprozent. Stay tuned.




*es war jemand zugegebenermassen jemand wirklich sehr Verzweifeltes

**Während dem Tippen dieses Abschnitts musste ich acht neun zehn elfmal gähnen. Dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich hoffe, dass Leser meines Textes gähnen müssen, einfach, um die Gewalt dieser universalen Geste der Menschlichkeit zu demonstrieren.