Ich hatte geglaubt, das mit dir und mir sei endgültig vorbei. Den Brief, den die Post mir neulich von dir brachte, habe ich gleich an deinem geschwungenen Siegel erkannt. Mein Herz begann wie wild zu schlagen. Was konntest du noch von mir wollen? Welche Vorwürfe, welche Forderungen musste ich erwarten, nachdem wir uns vor fast einem Jahr in eisigem Schweigen getrennt hatten? Wolltest du mir vielleicht ein Versöhnungsangebot machen? Doch der Umschlag schien nur wenige Seiten zu enthalten, was mich vermuten liess, dass dies ein Brief sein würde, wie es viele andere gewesen waren; erstaunlich, wie man mit so wenigen Worten und Nummern, schwarz auf weiss, solche Kälte und Unerbittlichkeit signalisieren kann.
Du schreibst meinen Namen immer noch genau wie damals. Der gleiche Schwung, die gleiche Schwärze. Der Name, den ich selbst für mich gewählt habe. Doch muss ich stutzen: Das davor ist nicht der Name, den meine Eltern mir gegeben haben. Ich bin verwechselt worden. Die Post hat mir deinen Brief gebracht, der für jemand anderen bestimmt war. Den du für jemand anderen geschrieben hast. Trotzdem gleiten meine Augen über die Zeilen, die so sehr denen gleichen, die du früher an mich gerichtet hast. Nach all den Jahren, die ich dir die Treue hielt, schreibst du genau die gleichen Briefe nun an jemand anderen. Wie es sich für dich anfühlt? Ich weiss es nicht. Fällt es dir überhaupt auf?
Während ich mir frischen Kaffe braue, schaue ich zu, wie sich der Brief in den Flammen krümmt und windet. Ich habe dir doch gesagt, dass es besser ist, wenn ich nichts mehr von dir höre.*
Leb wohl.
*Bürgerpflichtgetreue Leser seien an dieser Stelle beruhigt: Ich habe vor dem Anfeuern bei der Swisscom angerufen und veranlasst, dass für Herrn F. eine neue Rechnung ausgelöst wird.