Liebesbriefe aus einer anderen Zeit.

Liebe Swisscom

Ich hatte geglaubt, das mit dir und mir sei endgültig vorbei. Den Brief, den die Post mir neulich von dir brachte, habe ich gleich an deinem geschwungenen Siegel erkannt. Mein Herz begann wie wild zu schlagen. Was konntest du noch von mir wollen? Welche Vorwürfe, welche Forderungen musste ich erwarten, nachdem wir uns vor fast einem Jahr in eisigem Schweigen getrennt hatten? Wolltest du mir vielleicht ein Versöhnungsangebot machen? Doch der Umschlag schien nur wenige Seiten zu enthalten, was mich vermuten liess, dass dies ein Brief sein würde, wie es viele andere gewesen waren; erstaunlich, wie man mit so wenigen Worten und Nummern, schwarz auf weiss, solche Kälte und Unerbittlichkeit signalisieren kann.

Du schreibst meinen Namen immer noch genau wie damals. Der gleiche Schwung, die gleiche Schwärze. Der Name, den ich selbst für mich gewählt habe. Doch muss ich stutzen: Das davor ist nicht der Name, den meine Eltern mir gegeben haben. Ich bin verwechselt worden. Die Post hat mir deinen Brief gebracht, der für jemand anderen bestimmt war. Den du für jemand anderen geschrieben hast. Trotzdem gleiten meine Augen über die Zeilen, die so sehr denen gleichen, die du früher an mich gerichtet hast. Nach all den Jahren, die ich dir die Treue hielt, schreibst du genau die gleichen Briefe nun an jemand anderen. Wie es sich für dich anfühlt? Ich weiss es nicht. Fällt es dir überhaupt auf?

Während ich mir frischen Kaffe braue, schaue ich zu, wie sich der Brief in den Flammen krümmt und windet. Ich habe dir doch gesagt, dass es besser ist, wenn ich nichts mehr von dir höre.*

Leb wohl.
Deine Liese.







*Bürgerpflichtgetreue Leser seien an dieser Stelle beruhigt: Ich habe vor dem Anfeuern bei der Swisscom angerufen und veranlasst, dass für Herrn F. eine neue Rechnung ausgelöst wird.

Kinder sind nicht süss. Süss ist ein Apfelkuchen.

Ich kann generell nicht objektiv über Babies von Freunden urteilen. Wenn ich die Eltern, die ich so gerne hab, darin erkenne, finde ich es eh hübsch, auch wenns eigentlich erst ein Würmchen aus Haut und Speck mit ein paar Haaren ist.*

Fremde Babies sind anders. Die sehen für mich nun mal wirklich alle recht ähnlich aus. Entschuldigen Sie deshalb bitte, wenn ich ihres nicht sofort verzückt anstrahle, wenn sie es mir im Tram hinhalten. Mein Instinkt ist da nicht so stark.










*Trotzdem sieht man ja schon offensichtlich, dass es ganz gescheit und begabt ist und mal ein ganz feiner Erwachsener wird. Versteht sich von selbst, schliesslich ist es das Kind meiner Freunde.

Kleines Dilemma.



Zum Auftakt der Kurze-Hosen-Saison eine kleine Hirnelastizitätsübung (auch gutdeutsch als “Brainfuck” bekannt):

Wenn nichts, was es sich zu haben lohnt, einfach von selbst kommt - bedeutet das, dass alles, dem man meilenweit hinterherrennen muss, auch wirklich “habenswert” ist?

Zuerst dachte ich: Nein.

Dann dachte ich: Aber der Weg bringt einen ja doch weiter. Weil alles, von dem man schon weiss, dass es sich nicht lohnt, einen nicht mehr reizt und demnach ruhiger macht.

Dann dachte ich: Andererseits kann einen dann auch der so erlittene Zeitverlust ganz gewaltig wurmen.

Dann dachte ich: Dafür hat man eine Möglichkeit mehr, vielleicht endgültig zu begreifen, dass es nichts bringt, sich über Dinge aufzuregen, die man nicht (mehr) ändern kann.

Dann dachte ich: Aber wenn man gar nicht erst den falschen Dingen nachläuft, erspart man sich die ganze Aufreiberei im Vorneherein. Wenn das einen mal nicht ruhig macht!

Dann dachte ich: Aber dann sind wir wieder nicht sicher, ob es sich wirklich nicht lohnt bzw. ob man wirklich getrost darauf verzichten kann.

Dann war ich wieder am Anfang. Und dann war ich ganz verwirrt. Also beschloss ich, essen zu gehen. Weil sich das eigentlich immer lohnt.


Wilde Geschichte.

Es ist lange genug her, seit ein Film so viel versprochen hat, dass man sich ein halbes Jahr vor Kinostart darauf freuen konnte. Leider hat auch der hier die Krankheit, bei der im Trailer schon wahnsinnig viel verraten wird. Aber wenn man ihn jetzt schaut, hat mans im Januar wieder vergessen und kann voller uninformierter Vorfreude ins Kino gehen. Au ja!
 




Noch zu erfinden.

Findet es eigentlich sonst niemand eigenartig, dass wir das Wetter immer noch nicht weiter als ein paar Tage voraussagen können?*

Oder dass es immer noch nichts fortschrittlicheres gibt, um sich nachts warm zu halten, als Bettdecken? Ich meine, das ist so 6000 vor Christus, mann!

Und wann erfindet einer endlich den Airbag fürs Velo? Na los!




* Wir wissen, wie man Raketen vom All aus steuern könnte, aber sowas Banales wie Langzeitwettervorhersagen kriegen die Satelliten nicht hin?

Wunderbare Figuren.

Ich möchte nicht in einer grossen Wohngemeinschaft leben. Einfach, weil ich es schätze, zu wissen, wem die getragenen Socken im Wohnzimmer gehören, wer die Bratpfanne mit undefinierbarer, aber vermutlich atomar nicht unbedenklicher schwarzer Masse bedeckt hat stehen lassen, in wessen Zimmer die gute Schere gerade ist und wer sich über meine Joghurts hergemacht hat. Da wo ich wohne, lautet die Antwort auf diese Fragen* immer entweder “Du” oder “Ich”.

Das ist wunderbar einfach. Ausserdem kann ich nicht mit grossen Kühlschränken umgehen, mir vergammelt der Rahm - trotz UHT - sogar in unserem Camping-Modell, weil ich ihn zu lange nie finden kann.

Eine Ausnahme würde ich wohl machen mit diesem lustigen Haufen aus der Villa Kunterbunt 2.0. Da würde ja jeder einziehen! Schon als ich den Musiker habe sagen hören, sein neues Video sei von Wes Anderson inspiriert und Fanny Ardant spiele mit, wusste ich, dass das herrlich lustig wird. Ich kann nichts dafür, es hat mich einfach eingesogen. Elle m'a dit: danse!

Alors on fait quoi?





*und natürlich auf die siebenhundermillionendrölftausend anderen, die man auflisten können, und die keinen** interessieren.

**Ausser, er lebt in einer grossen Wohngemeinschaft.

Mitgehört V.

Folgende einleuchtende Erkenntnis kam mir dieses Wochenende zu Ohren:

Er sagte: “Diese Hipster sehen mit ihren seitlich-kurz-und-oben-etwas-länger-Frisuren alle gleich aus. Merken die das eigentlich nicht?”

Ich dachte: Doch, die merken das. Aber die wollen das. Sonst würden sie ja nicht alle die gleiche Brille kaufen.

Was nicht heisst, dass es mich stört. Bäume stören einen ja auch nicht.*






*Ausser manchmal beim Autofahren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Von Treue und Vergebung.

Vor einiger Zeit hatte ich einen schweren Schlag zu verarbeiten, als meine zweitliebste Stimme auf Erden eine fürchterliche Single veröffentlichte. Mein Songwriting-Idol hat sich von irgend so einem hodenunterkühlten Hitroboter* dreinreden lassen. Was dabei herauskam, war die akustische Entsprechung des Gefühls, das man hat, wenn man mit einer frischen Zahnfüllung auf Alufolie beisst. Das Trauma hatte auch einen positiven Effekt. Trotzdem war ich wirklich niedergeschlagen. Als ich herausfand, dass der Produzent der Single auch beim Titelsong als Co-Writer aufgeführt sein würde, erstickte die zarte Flamme meiner Hoffnung bis auf einen letzten Funken.

Dem wurde dann aber eifrig zugefächelt, als ich ein verwackeltes Youtube-Video mit mittelmässiger Soundqualität von einem aktuellen Konzert sah. Da hörte ich einen weiteren neuen Song, der das gleiche bewirkte wie die früheren: Ich wollte mir daraus ein Haus bauen und darin wohnen. Getrieben vom festen Glauben und unzerstörbarer Loyalität** bestellte ich die Scheibe also doch. Heute habe ich sie gehört. Das war sehr gut.

Die Single ist und bleibt der absolute Tiefpunkt. Daneben gibt es noch ein paar mehr oder weniger kleine unnütze Unmöglichkeiten, die live hoffentlich wegfallen werden. Aber in der Essenz ist das Alte noch da. Der Songwriter ist nicht verloren gegangen. Da sind immer noch die Hymnen, die Schnulzen, die Licks wie scharfe Schrauben, die sich ins Herz bohren, bevor man sich auch nur ansatzweise von den schmerzhaft direkten Textzeilen erholt hat. Und entgegen aller Befürchtungen*** hat die Stimme trotz des liederlichen Lebenswandels noch nichts von ihrer Urgewalt eingebüsst. Mein Herz war beim siebten Track schon wieder Butterweich und nach dem zehnten vollständig zurückgewonnen.

Jetzt muss er nur noch aufhören, so viel zu saufen, damit er auch wieder anständige Konzerte geben kann. Dann vergebe ich ihm auch die ersten beiden Tracks auf dem Album.


Er sagt gleich noch selber etwas dazu. Die Snippets sind kaum der Rede wert, man muss das Album trotzdem kaufen:



*der ein irrsinnig cleverer Geschäftsmann ist. Das muss man ihm lassen. Aber da ist halt einfach zuviel von diesem geschwollenen Sound, so mit künstlichem Handclap und Bassdrum, die klingt, als würde man in der Waschküche spielen. Schlicht zum Kotzen.

**und mit einer sehr guten Ausrede für alle Fälle im Hinterkopf

***und aller Vernunft

Reicht das nicht?

Beim ernüchternden Studium* eines sehr, sehr guten Lehrbuches über Musiktheorie liess ich mich neulich zu einem Gedankenexperiment hinreissen. Wenn ich im Teenageralter, dass ich musikalisch für eine sensible Phase halte**, nicht mit Jazz in Kontakt gekommen wäre - würde mir dann heute die einfache Musik reichen, die mir als Kind gefallen hat? Nicht, dass die mir nicht mehr gefällt. Aber sie reicht halt nicht mehr.

Meine Ohren wollen Abwechslung, das haben sie früher nicht verlangt. Mit zehn Jahren konnte ich mehrere Wochen lang Jean-Jacques Goldman hören*** und zumindest mehrere Tage die Hanson-Brüder****. Jetzt kann mich die grossartigste CD nicht mehr allein glücklich machen. Ich höre etwas heraus, das ist wie woanders, und dann muss ich das andere hören, um es zu überprüfen, dann erst kann ich wieder zur grossartigsten CD zurück. Und werde inzwischen merken, dass es eine grossartigste CD gar nie geben kann.

Es ist ein Dilemma. Inzwischen bin ich froh, dass das Einfachste und Schönste überhaupt mich zwischendurch immer noch berührt. Ein einfaches Lied, ein bisschen Klavier, eine Bombenstimme. Und hübsch ist sie auch noch! Dieser dramatische Blick. Edith Piaf im Körper eines britischen Plus Size Models. Meine Güte!





* Es hat sich herausgestellt, dass ich deutlich mehr vergessen habe, als ich je gelernt zu haben glaubte.

** Deshalb ist es auch so verheerend, wenn Jugendliche sich völlig auf einen Musikstil einschiessen. Da sind mir sogar die lieber, die ihren Musikgeschmack mit “ja halt so ein bisschen alles” zusammenfassen.

*** Trotz der Stimme. Er konnte halt auch noch Geige spielen.

**** Die übrigens letztes Jahr ein tadelloses Album rausgebracht haben. Ehrlich!

Eine Art kosmisches Gleichgewicht.

Mein erklärter Lieblingsmusiker hat mich mit der Veröffentlichung seiner letzten Single bitterst enttäuscht. Aus pietätsgründen nenne ich keine Namen.

Um das wieder gut zu machen, hat mich mein Musikgeschmack in diesen Tagen zu Newton Faulkner zurückgeführt. Ich habe keine so gute Story dazu wie bei Amos Lee, ich habe ihn ganz konventionell entdeckt. Ich war beim Blue Balls Festival, mein Sinn war offen für neue Musik, ich habe den Namen auf einem Plakat gelesen, ihn gemyspaced oder so. Mein offener Sinn und ich waren sofort begeistert.

Danach habe ich ihn einfach vergessen. Für ein Jahr.

Letzten Monat habe ich eine Aufzeichnung seines Blue Balls-Konzerts gesehen. “I took it out on you” hat mich bis zur ehrlichen Rührung erschüttert. Logisch, dass ich danach beide CDs auftreiben musste. Heute ist die zweite gekommen. Bald werde ich Zeit finden, mich darauf einzulassen. Inzwischen empfehle ich wärmstens die, die ich schon kenne und liebe: “Rebuilt by humans”, erschienen 2009. Mit so was wird man heute glücklich!

So ganz nebenbei: Es lässt sich zwar in den Studioversionen nur erahnen, aber dieser Hippie ist ein fantastischer Gitarrist. Wirklich. Fantastisch!

Lügen verbieten.

So wie unrealistische Darstellungen von körperlicher Verbundenheit* verboten oder zumindest von Minderjährigen ferngehalten gehören, so sollten auf meiner Insel auch unrealistische Darstellungen von emotionaler Verbundenheit verboten werden.

Frauen, seht es doch endlich ein. Geradezu lächerlich attraktive Männer in den besten Jahren sitzen nicht zu Hause auf dem Boden neben dem Bett und winden sich und winseln euch hinterher und überlegen sich, wie sie euch am besten glücklich machen könnten**. Sie wollen auch nicht jede eurer Ideen hören und immer angerannt kommen müssen, wenn euch eine Laus über die Leber gelaufen ist. Sie haben dafür keine Zeit. Sie müssen Geld verdienen und da draussen in der echten Welt wichtig sein - nicht zuletzt euretwegen.

Hier die These: Frauen, die sich zu viele sogenannt romantische Filme, schnulzige Musikvideos und Kitschromane zu Gemüte führen, entwickeln völlig überrissene Ansprüche an einen potentiellen Partner und verlangen von ihm ständige Bereitschaft, auf ihre emotionalen Bedürfnisse einzugehen und ihre Gefühle zu teilen. Das finden aber scheinbar alle normal.

Männern werden dagegen der Schwanzgesteuertheit bezichtigt, weil sie das Gefühl hätten, ihre Frauen müssten jederzeit auf ihre körperlichen Bedürfnisse eingehen und gewissermassen ihren Körper teilen. Das finden die meisten völlig daneben.

Ist die Ironie nicht offenkundig? Sie hat das Gefühl, er müsste merken, dass sie ihn liebt, auch wenn sie gerade nicht mit ihm schlafen will. Aber wenn er nicht reden mag, bedeutet das, dass er sie nicht liebt?

Ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich abwegiger finde.




Übrigens wäre es schön, wenn es so eindimensional wäre. Dann könnte man allen Paaren die gleichen Tipps geben. Kann man aber nicht, hallelujah.






* Wer findet einen schöneren Euphemismus für Pornographie? In zehn Sekunden?

** Für die korrekte Angabe des heimlich zitierten Musikvideos wird ein Bier verlost.

Ich habs getan. Mit dem Puderzuckerbuben.

Es hat kaum weh getan. Und auch nicht besonders lange gedauert. Ich habe insgesamt drei, also zwei ganze und zwei halbe Videos von Justin Bieber angeschaut. Mein Fazit:
Ein ganz normaler vierzehnjähriger Multimillionär* mit niedlichem Milchgesicht, der Frauen nachrennt, die etwa fünf Jahre älter aussehen**, Videospiele und zu grosse Hosen mag und für einen Jungen seines Alters ausserordentlich gepflegte Zähne hat.

Das Ausmass des zugehörigen Merchandising mag furchteinflössend sein. Aber die Songs und die Show sind wirklich erfrischend harmlos. Wenn ich mal Kinder habe, dürfen sie gerne Justin Bieber hören***. Aber ich werde ihnen raten, es nur heimlich zu tun und mit niemandem darüber zu sprechen.





* Beide Zahlen sind grob geschätzt.
** Und sie dann auch kriegt, wie jeder vierzehnjährige Mulitmillionär.
*** Da ich sowieso plane, erst welche zu haben, wenn ich ihnen schallisolierte Zimmer einrichten kann.

Es ist wie mit der Liebe. Hoffentlich.

Ich weiss noch recht genau, wie ich ihn kennengelernt habe. Ich war etwa siebzehn, es war Sommer, und ich war irgendwo in Frankreich.

Über den schlecht geteerten Strassen flimmerte die Luft und die grelle Sonne liess einen die Augen selten mehr als halb geöffnet halten. Die Autofahrten von einem Ort zum anderen dauerten ewig, und sogar der Fahrtwind war stickig. Die Hitze drückte unsere Lebensgeister tief in die Autositze und liess uns wie zufriedene Zombies über die Riviera taumeln. Denken wog zu schwer, deshalb beliessen wir es beim Entscheiden: Wo fahren wir als nächstes hin? Kaufen wir jetzt Wasser oder später? Ich war lange nicht so glücklich gewesen.*

Irgendwann gerieten wir mitten in der Pampa an eine Tankstelle mit einem sehr, sehr kleinem Supermarkt. Zwischen Alu-Sonnendecken für die Windschutzscheibe, Strassenkarten, Kühlwasser, Handseifen, Zahnbürsten, Cola, Chips, Kreuzworträtselheften und Plüschtieren prangte eine stolze kleine Auslage von Tonträgern. Zu meiner grossen Überraschung hing ein Kopfhörer dabei, mit dem man offenbar mindestens eine der Scheiben probehören konnte.

Froh darüber, einen guten Grund gefunden zu haben, um noch einen Moment in der angenehmen Kühle des Tankstellenladens verweilen zu können, spreizte ich mit müden Fingern den Halter der Hörmuscheln und tauchte ein in fremde Töne und Melodien. Nichts liess mich erahnen, wie vertraut sie mir werden sollten. Verwundert beobachtete ich, wie sich die Haare auf meinen Armen aufstellten, als die samtenen Töne in meine Ohren eindrangen und über meinen Rücken rieselten. Wäre diese Musik ein Ort gewesen - ich hätte genau gewusst, wo wir als nächstes hinfahren. Und vielleicht für immer bleiben.

Das Verrückte ist: Zwei Jahre später ertrug ich es nicht mehr, ihn singen zu hören. Seine Stimme ging mir dermassen auf den Wecker, dass ich schon bei der Erwähnung seines Namens ein Gesicht wie saure Milch machte. Er war in jenem Sommer meine nächstbeste grosse Liebe gewesen, und wir waren uns viel zu nahe gekommen. Ich hatte die ganze Scheibe binnen zwei Jahren totgehört.

Über die letzten Jahre hat hie und da wieder eine kleine Annäherung stattgefunden. Ein-, zweimal habe ich sogar die ganze Platte am Stück angehört. Aber es wäre mir nicht eingefallen, das zweite und dritte Album anzuschaffen. Schliesslich sah ich letzten Montag im Schaukasten des bestpositionierten Plattenhändlers in meiner Stadt sein mittlerweile viertes Album liegen. Vielleicht gefiel mir auch einfach nur das Cover. Aber ich war neugierig. Und heute habe ich es mir angehört.

Ich hörte die ersten paar Takte des Openers - und war zu Hause. Und war siebzehn. Und gleichzeitig so froh, nicht mehr siebzehn zu sein. Wie damals habe ich die Hörprobe nach fünf Minuten abgebrochen und die Scheibe zu einem völlig überrissenen Preis gekauft. Weil ich sie sofort, sofort haben musste. Weil ich gar nicht sicher war, ob ich sie wieder aus der Hand legen könnte, selbst wenn ich das wollte.

Und ich liebe, was er tut, mehr denn je. My heart is a flower, too.**





*Die üblichen Teenagerprobleme, Sie wissen schon. Zu klein, zu dick, niemand wird mich jemals mögen und wie finde ich bloss heraus, was ich werden will?


**Vielleicht habe ich irgendwann Musse, eine ordentliche CD-Kritik darüber zu schreiben. Vermutlich nicht.

Moderne Zeiten.

“Du, ich muss nochmal kurz los, hab vergessen, ein Wohnzimmer zu kaufen!”



Schon toll, in was für Zeiten wir leben. Und wie nahe bei der Zivilisation*. Den lächerlich tiefen Preis meines Wohnzimmerteppichs begründe ich mit den guten Sozialversicherungen in Skandinavien. Wie? Das fragen Sie mal besser Ingvar Kamprad.




*Die Zivilisation erkennt man an der regelmässigen Streuung von grossen gelbblauen Möbelhäusern jeweils alle paar zig Quadratkilometer. Kann da mal jemand genaue Zahlen liefern? Herr Kamprad?