Kleine Freuden*.

Es war einmal eine Bassline, die in einer gemütlichen kleinen Wohnung ziemlich weit hinten an der Achtzigerstrasse lebte. Im gleichen Haus wohnten drei schöne schwarze Frauen mit ordentlich Pfeffer, mit denen sie sich manchmal zum Kaffee traf. Ansonsten sammelte sie in ihrer Freizeit leidenschaftlich gute Vibrationen. Am liebsten fuhr die Bassline aber ganz alleine Fahrstuhl: hoch, runter, hoch, runter, halb hoch, runter, ganz hoch, halb runter, und dann das Ganze wieder von vorne. Erstaunlicherweise wurde ihr dabei nie langweilig.

Sie hatte sich vor kurzem in einen etwas flachen, aber sehr selbstbewussten Beat verliebt, und nun gingen die beiden hie und da mal miteinander aus. Sie hatten schnell festgestellt, dass sie mit dem gleichen Tempo durchs Leben zogen und daher eigentlich optimal harmonieren könnten.

Als die Bassline den Beat kurze Zeit später das erste Mal mit nach Hause nahm, begegneten die beiden im Treppenhaus den schönen Nachbarinnen. Innerhalb von gut einundzwanzig Sekunden schlossen alle miteinander eine unerschütterliche Freundschaft. Das war das Zünglein an der Waage für die Bassline: Sie entschied sich, mit dem Beat Ernst zu machen. Nun hatte sie einen Partner, der unten im Treppenhaus hin und her ging, während sie Fahrstuhl fuhr, und gelegentlich gesellten sich die Nachbarinnen dazu, die wild ihre Kehrseiten schüttelten und ab und zu einstimmig lustige Kommentare riefen. So wurde das einsame Hobby der Bassline schliesslich zum Tanzereignis für ganze Nationen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so wird das Lied, dass ihre Liebe schrieb, heute wenigstens noch für Fernsehwerbungen verhunzt.







* Der Keimling für diese unsinnige Erzählung wurde durch einen halben Tag Büroarbeit gesetzt:






Postmoderne Suchtbefriedigung.

In der Online-Ausgabe des 20minuten-Heftlis kann man zurzeit einen bestimmt sehr gründlich recherchierten Artikel darüber lesen, was den aufgeschlossenen Medienkonsumenten heutzutage zu sehr vereinnahmen könnte. Der sportliche Titel “Was uns alles süchtig macht” animierte auch mich zum lesen, obwohl ich beim besten Willen nicht mehr sagen kann, wie ich auf der Seite gelandet bin. Ich fasse zusammen:

1. Hypergesundes Essen
Dem geneigten Leser eventuell auch unter dem Begriff “Orthorexie” bekannt.

2. Selfies
Illustriert ist dieser Punkt mit (noch) einem Bild von Kim Kardashian.

3. Fitness
Passt schliesslich auch zu den ersten beiden Punkten.

4. Fernsehserien
Ergänzt durch eine erwähnenswerte Übersetzung des Begriffs “Binge Watching”: Komaglotzen.

5. Nahrungsergänzungspillen
Sollte eigentlich nach Punkt 1, 2 und 3 nicht mehr überraschen.


So weit, so gut. Ich ging kurz in mich und überprüfte mein eigenes Suchtrisiko. Ich attestierte mir eine enorm geringe Gefährdung bei allen Punkten ausser dem vierten, da es seinerzeit gelegentlich - vorzugsweise vor den Prüfungssessionen im Studium - schon zu bedenklichem Verhalten diesbezüglich gekommen war. Ich wollte den Tab gerade schliessen, als ich sah, dass mir netterweise noch vier weitere Artikel empfohlen wurden:

1x Selfiekönigin, 1x Fernsehserien, 1x Detox-Kur und 1x Hundeselfies. Ich bin platt.





Hitliste.


Meine heutige* Top 3 der “Simpons”-Wandtafelsprüche:

1. Beer in a milk carton is not milk. (Season 16)
2. Vampire is not a career choice. (Season 12)
3. A trained ape could not teach gym. (Season 10)






*Tägliche Wechsel gut möglich.

Nachtrag: Cede.ch schlägt wieder zu


Der neuste Streich meines Lieblingstonträgerhändlers: die Zustellung zweier am gleichen Tag bestellter CDs am gleichen Tag in individueller Verpackung.


Ich wollte mich gerade darüber lustig machen, als ich die Lieferscheine konsultierte und des Rätsels Lösung fand. Offenbar war eine der CDs am Bestelltag nicht lieferbar, weshalb die guten Menschen von Cede.ch diesen schwierigen, aber wichtigen Fall wohl an eine andere Abteilung weitergaben. Ich stelle mir das so Special Force-mässig vor: Die Leute sitzen an Schreibtischen mit Hochleistungscomputern und Satellitentelefonen und tragen für alle Fälle kugelsichere Westen und Schutzbrillen und tun den ganzen Tag nichts, als nach raren CDs suchen. Wenn sie sie gefunden haben, verhandeln sie je nach Bedarf mit Herstellerfirmen, Gangsterbossen oder Kulturentführern, knallhart, wo nötig mit Waffengewalt, bis die Ware herausgerückt wird und an den treuen Kunden zu Hause vor dem Bildschirm weitergegeben werden kann. Wie extrem gut diese ganz sicher auch real existierende Abteilung arbeitet, sieht man nun daran, dass die verloren geglaubte Scheibe letzten Endes sogar gleich schnell da war wie die herkömmlich aufgetriebene. BRA-VO!

Ich schaute die zweite CD, die auf dem ersten Lieferschein noch mit dem dubiosen Hinweis “wird nachgeliefert” erwähnt war, danach lange und ernst an. “Was hast du wohl alles erlebt, du tapfere, schöne Scheibe?”, flüsterte ich und hauchte ihr einen Kuss aufs Cover, bevor ich sie nackt auszog und in die Marantzmaschine schob.

Fünf Dinge, die Glück sein können*.


1. Mitbewohner, denen dein Lieblingsessen auch nie verleidet.
2. Ein Job, für den du mindestens an drei von fünf Tagen gerne aufstehst.
3. Etwas Schönes machen können. Machen im Sinne von “herstellen”.
4. Fristen auf Hotelgutscheinen**.
5. Musik, die weiss, was sie tut.




Um diesem Post noch eine wissenschaftliche Komponente zu geben, folgt hier ein Bild von Glück.


Abb. 1: Glück in einer Schüssel.


* Reihenfolge zufällig.
** Weil sie einen zwingen, auch dann bzw. gerade dann in die Ferien zu gehen, wenn man eigentlich behauptet, man hätte keine Zeit dafür.

Wahlmöglichkeiten.

Layout oder Interpunktion. Wenigstens eines von den beiden Dingen hätte das Pharmaunternehmen mit etwas Liebe einbeziehen können, als es folgenden Hinweis auf die Etikette des Medikaments druckte:

Arzneimittel für Kinder
unerreichbar aufbewahren.


Je nach Betonung wird daraus:
Arzneimittel für Kinder. Unerreichbar aufbewahren.
Arzneimittel für Kinder! Unerreichbar! Aufbewahren!

Natürlich korrigiert der gebildete Leser seinen widersprüchlichen ersten Eindruck schnell zu “Arzneimittel - für Kinder unerreichbar aufbewahren”, aber wer denkt an die ungebildeten, uninteressierten, überforderten Nichtleser? Ich ruf da gleich mal an.

Mithören bei Störgeräuschen.

Wenn ich mal gross bin, will ich Schaffner werden.
Ich mag es, wenn ich der einzige Mensch in einem
Raum voller Menschen bin, der etwas Bestimmtes
tun kann. Und der Schaffner ist der einzige im Zug,
der Fahrkarten verlangen kann.

Das ist ein schöner Gedanke. Aber warum 
wirst du dann nicht, sagen wir, Chirurg? 
Oder Lehrer? Oder Zivilstandesbeamter?

Wegen des Klickens. Ich mag das Klicken, 
wenn der Schaffner Fahrkarten knipst.

Na ja, das macht natürlich schon Sinn.






Kurzer Nachtrag.

Ich wollte mich ja bessern und bei Cede.ch nicht mehr so grosse Umweltbelastungen durch Rechnungen verursachen. Also habe ich diesmal per Kreditkarte bezahlt. Ich habe Bestätigungsnachrichten in meinen digitalen Briefkasten erhalten, als die Bestellung aufgenommen worden war und als sie das Haus verliess. Und jetzt eben auch noch das:



Zwei Seiten spezielles Papier, eines sogar perforiert und dreifarbig, plus wieder so ein hübscher Pro-Clima-Umschlag. Einzig für die Mitteilung, dass ich nichts bezahlen muss. Ich bin sprachlos.

Rührende Geste.

Neulich erhielt ich in der Post ein quadratisches Couvert, auf dem in sorgfältiger Handschrift meine Adresse stand. Dem Gewicht nach zu urteilen enthielt es nicht einfach ein normales Blatt Papier, sondern eine feste, kleine Karte*.


Noch eine Hochzeit! - so schoss es mir durch den Kopf. Mein innerer Graphologe begann sofort den Versuch, den Absender anhand der Schrift zu ermitteln. Mir wollte partout nicht einfallen, welche meiner Freundinnen so schreibt. Und was mich besonders stutzig machte, war die Sache mit dem zweiten Vornamen. Meine schönschreibenden Freundinnen wissen schliesslich, dass ich es damit nicht so ernst nehme. Ich machte mich also daran, das Rätsel zu lösen und öffnete den Umschlag.


Wie reizend, dachte ich. Umschläge, die von innen verziert sind. Ich fügte meiner imaginären Liste komplett unnötiger Ausgaben für eine Hochzeit einen weiteren Top Ten-Kandidaten hinzu. Aber eben, wenns ums Heiraten geht, können die ja irgendwie alles verkaufen. Man klebe das Wort “Hochzeits-” vor ein beliebiges anderes Wort** und verkaufe den damit bezeichneten Gegenstand für den anderthalbfachen Preis… Doch des Rätsels Lösung war schliesslich eine etwas bizarre Überraschung:


Tatsächlich hatte sich also jemand von der Bank die Mühe gemacht, mich mit einem handschriftlichen Umschlag und einem ebensolchen Kärtchen daran zu erinnern, dass ich vor langer Zeit einmal zugesagt hatte, mich beraten zu lassen - und dies zwar vorwiegend, weil ich keine Lust hatte, weiterhin einmal pro Woche mit diesem Angebot angerufen zu werden***. Ich weiss bis jetzt nicht recht, was ich davon halten soll.


Den Termin habe ich selbstverständlich wahrgenommen. Die Frau war sehr nett, aber tat mir auch ein bisschen leid, weil es bei mir einfach nicht viel zu beraten gibt. Ich warte gespannt, wie lange es dauern wird, bis mir wieder mal jemand unverbindlich meine tollen Möglichkeiten als Kundin einer Riesenbank präsentieren will. Ich hoffe, beim nächsten Mal schicken sie dann gleich die Pralinen.







*Was ja bei einem quadratischen Format nicht überraschend ist.

** Vorausgesetzt, das Wort bezeichnet etwas, das schon einmal in einem Disney-Film zu sehen war, vorzugsweise Kutsche, Kleid, Frisur, Tiara, Krönchen, Halskette, Perlenohrring, Stola, Torte, Tischtuch, Stuhlkissen, Küchenmaschine, Mopp, Besen, Futternapf, Radachse…

*** Denn ein unbeantworteter Anruf von der Bank auf dem Telefon löst bei mir grundsätzlich schon mal Schuldgefühle aus. Warum das so ist, ist bis heute nicht erforscht.

Der Postwahnsinn geht weiter*.

Neulich bestellte ich beim CD-Versand meines Vertrauens eine CD. Weil ich so überzeugt war, dass die CD saugut sein würde**, bestellte ich sie gleich noch für ein paar Freunde und Familienmitglieder. Und mit gleich meine ich sofort. Auf der Stelle. Innerhalb der gleichen Stunde.

Es gibt mehrere Gründe, warum ich mein Vertrauen genau in diesen CD-Versand setze. Der schnelle Service, das einfache Design der Seite, die portofreie Lieferung, der freundliche Kundendienst. Und vor allem anderen die Tatsache, dass er nicht ExLibris ist***.

Was mich aber endgültig umgehauen hat, ist, dass es dem CD-Versand meines Vertrauens einmal gelang, eine von mir in drei unterschiedlichen Schritten aufgegebene Riesenbestellung so clever zu bündeln, dass ich am Ende für die sieben CDs nur zwei Päckchen an zwei verschiedenen Tagen und eine einzige Rechnung - im zweiten Päckchen - erhielt. Ich sang ein Loblied auf die Ökobilanz dieses Unternehmens und stellte mir vor, wie Angestellte mit Glacéhandschuhen und pastellfarbenen Schürzen in weichem Licht und mit Waschmittelwerbungsmusik im Hintergrund meine CD-Auswahl liebevoll von Hand in die Kartons gebettet hatten.

Nun, gerade beim Stichwort Ökobilanz wird es nun etwas düster. Die Rechnung für die vier CDs, die ich alle innerhalb der gleichen Stunde bestellt hatte, erreichte mich nämlich eben so:


image


Bestimmt dachte auch der Postbote: “Läck, dieses Pro Clima-Logo sieht einfach auf jedem Brief gut aus!” Ich bleibe dem CD-Versand meines Vertrauens aber treu. Ich zahle lieber einen Franken mehr, als meinen Lohn mit ExLibris zu teilen. Pha, so weit kommts noch! Und auch moralisch: Ich meine, man wirft auch nicht einen Onkel aus der Familie, weil er einem in angeheitertem Zustand beim Familienfest drei Mal die gleiche Geschichte erzählt. Ist also schon okay, cede.ch.







* Und wieder kann die Post selber nichts dafür.

** Was sie auch ist. Uhuerensaugut. Kaufen! Believe the hype!

***  Boykottiere ich seit Jahren. Das einzige Mal, das ich aus komplexen Gründen absolut gezwungen war, einen zu betreten****, erwog ich ohne jegliche Ironie den Einsatz einer Burka.

****Es gab ein Gratis-T-Shirt zur CD.

Telefonetikette auf Staatsebene.

Es war ein hektischer Tag gewesen - Hobby-Astrologen hätten sicher die Sterne beschuldigt, Religionsfundis die Lage in Israel, Science Fiction-Freunde vielleicht die langsame Übernahme der Erde durch Aliens, die sich als äusserst dumme Kunden des Dienstleistungssektors tarnen und so in der arbeitenden Bevölkerung Zwist säen, weil irgendwann alle Geduld ausgegangen sein wird.

Das Wetter schien heute jeden in dieser Stadt einzeln und höchstpersönlich verarscht zu haben: Die Leute links und rechts von mir standen durcheinander in Shorts und Sandalen, Herbstmäntelchen mit zu den Leggins passendem Schal oder mit Wollmütze und Regenjacke auf dem Perron herum.

Wer sich nicht mit Gratiszeitung und Telefon zu beschäftigen wusste, starrte wie ich selbst mit trotziger Müdigkeit im Gesicht untätig in die Luft, auf dass das Blecherne Ross endlich kommen würde, in dessen Bauch wir uns täglich wie Frachtgut verladen, damit es uns nach Hause schleppt.

Auf dem Gleis hinter uns war der Zug längst eingefahren und hatte die entsprechende Perronseite schon praktisch leergesaugt durch seine schiebetürigen Schlunde. Doch vor einer jener Pforten in die teppichgepolsterte Ruhe der ersten Klasse stand noch ein geschäftiger Herr von kleinem Wuchs und sprach aufgeregt in sein Telefon. Er drückte dabei immer wieder auf den Knopf, wenn die Türe zur Schliessung anhob. Ganz offensichtlich wollte er den Zug gerne noch besteigen.

Sicher wäre es viel angenehmer gewesen, sich schon mal in einen der breiten, kühlen Erstklasssitze zu fläzen und das Gespräch dort bei weniger Hintergrundgeräuschen fortzusetzen. Ob dieser kleine, fein angezogene Herr sein Telefonat noch draussen beenden wollte, um seine Mitreisenden nicht zu belästigen? Diese Variante fand ich beinahe rührend. Oder hatte er etwas zu besprechen, das niemand hören durfte? Telefonierte er mit Absicht an einem lärmigen Ort, damit er schlechter belauscht werden konnte?

Mittlerweile hatte ich den Herrn längst erkannt. Ich hatte mich an einen Zusammenstoss mit ihm in ebendiesem Bahnhof erinnert, vor fünf Jahren, als ich noch Studentin und er noch Bundespräsident war. Ich hätte abbremsen müssen, dann wäre es nicht passiert. Wir hatten uns beide entschuldigt, und er hatte mir gute Reise gewünscht. Ich war seltsam froh, ihn dort wohlauf zu sehen, vor der Erstklasstür, in sein Gespräch vertieft.

Überraschung.

Super Laufschuhe: Zweihundertfünfzig Franken.
Zugbillet bis Thun: Drei Franken*.
Startgeld für den Thuner Stadtlauf: Siebenunddreissigeinhalb Franken.
 
Am Start merken, dass die Strecke einen Kilometer länger ist, als du dachtest: unbezahlbar.






* Natürlich nur dank dem Halbtax. Sonst wäre schon hier die Pointe gekommen.

Pendlerkotze.

Mit Verlaub, gnädige Frau, wenn Ihr fünfundneunzig Zentimeter hohes Kind mir mit Ihrem scheiss Gepäckrolli, der es um die Hälfte überragt, über den Fuss fährt, muss sich gewiss nicht das Kind entschuldigen. Ja sicher ist es hochbegabt und ganz schön reif für sein Alter*, aber es hat telinomal so kurze Ärmchen, dass es dieses Monstrum von einem Omaeinkaufswägelchen gar nicht kontrollieren kann. Nein, ich rege mich doch nicht auf. Jaja, Ihnen auch noch einen schönen Tag, oh, hoppla, vergessen Sie Ihr Hebelgesetz nicht!





*schliesslich ist es ja Ihres, nicht wahr,

Maximale Postsicherheit.

Für eine Reise in näherer Zukunft musste ich mir einen Pass besorgen. Weil man ja sparfreudig ist und es gerade in einem Zug geht*, lässt man sich da heutzutage die Identitätskarte gerade gleichzeitig erneuern - dann kostet sie nur 40 Franken. Das Ganze war ruckzuck erledigt - innerhalb von 48 Stunden nach meinem Anruf hatte ich einen Foto- und Fingerabdrucktermin bei der Passstelle. Innerhalb weiterer 48 Stunden war ich im Besitz beider Dokumente. Das hat mich dann aber doch stutzig gemacht:


Aus Sicherheitsgründen werden einem die beiden Dokumente separat per Post zugestellt. Am gleichen Tag. In zwei identischen Couverts, die sich nur dadurch unterscheiden, dass sich auf der Rückseite des einen die Umrisse einer Art Kreditkarte abzeichnen und beim anderen die Umrisse eines Büchleins, das vom Format her etwas zwischen CD-Booklet und Zigarettenetui für vornehme Damen sein könnte. Worum es sich bei diesen geheimnisvollen Gegenständen handelt, ist dem Postboten spätestens dann klar, wenn er auf dem Umschlag das äusserst diskrete Logo der Schweizerischen Eidgenossenschaft erblickt. Soviel zu Diskretion und Sicherheit. Aber auch zum Vertrauen in die Post. Eigentlich auch ganz schön.



* , und auch ein bisschen weil man das Foto auf der aktuellen ID ganz furchtbar findet,

Verwirrungen der Nachhaltigkeit.

Ich war gestern beim Grossverteiler meines Vertrauens, um mich mit dem Schreibwerkzeug meines Vertrauens für ein weiteres Jahr im Schuldienst auszurüsten. Dabei hat sich das folgende Schreiben aufgedrängt:



Liebes Migro*, liebe Caran d'Ache

Seit meinem Umstieg vom Druckbleistift auf den Kugelschreiber vor ca. acht Jahren habe ich mich immer wieder vertrauensvoll an dich gewandt, um mein Lieblingsmodell in dutzendfacher Ausführung zu erwerben. Ständig verlegte oder verlieh ich die Dinger, oder sie tauchten mir in Hörsälen, Handtaschen und Hosensäcken davon. Glücklicherweise musste ich deshalb meist auch nicht lange suchen, bis ich auf der Waschmaschine, im Wanderrucksack oder in der Westentasche ganz zufällig wieder eines der guten Stücke fand. Ja, wenn man wollte, hätte man vermutlich ein kleines Haus aus all den blauen 825ern bauen können, die ich in meinem Leben schon besessen oder zumindest benutzt habe.
Heute stand ich also mit diesem Gedanken im Kopf vor einem deiner Gestelle, liebes Migro. Und du hast mir das folgende ebenso verwirrende wie verlockende Angebot unterbreitet:


Einem unerschütterlichen Instinkt folgend, perschte meine Linke vor, um eines der Zehnerkistchen herunterzuangeln**, doch ich stockte. Die lange erfolgreich unterdrückte Ökotussi in mir schlug leise vor, ich könnte ja das wiederverwendbare Modell nehmen. Das in der agressiven Farbe und mit den Ersatzminen für sensationelle 5 Franken 20. Moment, das “sensationell” hatte ich vermutlich aus einer der Lautsprecherdurchsagen hineingeschnitten. Item.
Meine innere Ökotussi hat mich noch nie wirklich überzeugt. Deshalb schreibe ich euch nun, liebes Migro, liebe Caran d'Ache. Ihr hättet glaub schon das Zeug dazu. Mindestens einer von euch beiden, vorzugsweise halt der, der für die Verpackung der im Migro verkauften Caran d'Ache-Produkte verantwortlich ist***, müsste da ein paar Argumente beisteuern.

Es kann einfach nicht sein, dass ich im Internet recherchieren muss, wie lange denn eine Füllung dieses vergleichsweise teuren Mehrwegschreibgeräts schreibt****, und dann nicht einmal herausfinden kann, wie lange die Einwegvariante Farbe gibt. Wahrscheinlich ist letzteres Modell einfach zu gut, so dass den potentiellen Kunden die Nachhaltigkeit grad wieder am Heft vorbeigeht, wenn sie es herausfinden.

Aber ehrlich, liebes Migro, liebe Caran d'Ache: Wieso kann man nicht auf der Rückseite der Nachfüllpatrone Goliath zumindest lesen, wie viel länger diese im Vergleich zu einem Einwegkugelschreiber hält? Oder wenigstens wie viel man spart, wenn man seinen Bedarf drei Jahre lang mit Nachfüllpatronen anstatt neuen Einwegkulis deckt? Oder, und das wäre dann das allermindeste, ein fröhliches Zwinkersmiley mit erhobenem Daumen und einem aufmunternden Spruch: “I see you’re trying to save the earth - good for you, man!”

Ich war auf jeden Fall schwer verwirrt. Bitte machen Sie uns das mit der Nachhaltigkeit etwas einfacher, wenn Sie können.

Treu ergeben,
Ihre Liese








*Da wo ich aufgewachsen bin, ist “Migros” sächlich. Warum, ist egal. Coop ist auch sächlich, weil man sagt: “Ich gehe noch ins Konsum”, in das Konsum. Völlig logisch.

**Ist das überhaupt ein Wort, “herunterangeln”? Völlig unlogisch.

***Caran d'Ache würde selber glaub ich nie seine hochwertigen Zauberstäbe einfach so profan in Plastik und Karton verpackt verkaufen. Auf der Firmenhomepage finde ich mein Lieblingsmodell nicht mal, so billig ist es.

**** 600 A4-Seiten. Die will ich erst mal sehen.

Mysteriöses Lokal.


Ladymoving. Vierzehn völlig unverdächtige, gutbürgerliche Klingelschilder, vierzehn Namen auf weissen Etikettchen, und dann, in geheimnissvollem Schwarz gehalten: Ladymoving. Eine kleine Stadwohnung, oder vielleicht zwei zusammengelegte Stadwohungen, mehr kann es nicht sein. Gerade unbegrenzte Möglichkeiten hat man nicht auf diesem Raum. Wer erklärt mir das jetzt? Was macht die Moving Lady? Was für Ladies werden hier gemoved?*

Ist es das Büro des Startup-Unternehmens einer Gruppe von Bodybuildern, die darauf spezialisiert sind, zierlichen Ladies beim Zügeln zu helfen?
“Jaaaacques, da war ein Anruf. Jaaacques. JACQUES! Hörst du mir zu? Hör auf zu rauchen und trink deinen Proteinshake aus. Mademoiselle Dupont von der Rue Carnot hat angerufen. Ob wir ihr Klavier heute schon holen könnten, der neue Vermieter hat ihr gerade den Schlüssel gegeben. Jacques!”

Oder ein Mini-Fitnesstudio, wo ein beflissener Personal Trainer gutbetuchte und leichtbekleidete Businessfrauen beim Rumpfheben die Füsse festhält?
“Oh, sehr gut, Madame, sehr gut sieht das aus. Bravo, oui, schön die Schultern entspannen. Oh, ihr Träger ist verrutscht. Lassen sie sich nicht stören. So ist gut. Sie tragen wohl nahtlose Unterwäsche? Ah, sehr gut, Konzentration auf die Bauchmuskulatur. Sie sind eine Amazone! Sie strahlen wie die Sonne. Ihr Bauch ist ihr Panzer! Oh, ja. Mais oui.”

Oder ein Studio für alternativen Tanz, wo gestresste Hausfrauen, die den Kontakt zu sich selber ein wenig verloren haben, sich wieder zu spüren versuchen?
“Ah, les filles, très bien! Fühlt eure Weiblichkeit, lasst sie leuchten, lasst alles fliessen! Frei, eure Arme sind frei! Catherine, hier ist dein Seidentuch, du hast es beim Schwingen fallen gelassen. Lasst euch einnehmen von der Musik, sehr schön. Ihr seid stolz und schön. Und frei! Und weiblich! Ari - kannst du die Harfe etwas leiser spielen? Danke. Ah, sehr schön.”

Oder das Büro eines Auftragskillers, spezialisiert auf Ehefrauen von politischen oder wirtschaftlichen Emporkömmlingen?
“Ah non, Monsieur. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir kümmern uns nicht nur darum, ihre Gattin sicher ins Jenseits zu geleiten, wir schaffen sie nachher auch an einen Ort, wo niemand nach ihr sucht. Absolut zuverlässig. Ihre Kreditkartennummer war übrigens auf dem Formular nicht vollständig. Noch ein Schluck Ricard, Monsieur? Voilà.”

Oder eifach ein Puff?








*Natürlich würde eine kleine Internetrecherche diese Frage wohl in 0.23 Minuten beantworten. Aber das wäre ja dann überhaupt nicht mehr spannend.

Wie für ein Märchen erfunden.


Manchmal strandet man an einem Ort, der gar nicht für diese Welt gemacht zu sein scheint. Dann kann es sogar regnen, und es ist trotzdem wie in einem pittoresken Film. Um dieses Gebäude zu bewohnen, müsste man sicher mindestens eine Prinzessin aus reinem Zucker* sein. Bestaunen kann man es auch als leicht verstrahlte Touristin.

Ich werde trotzdem mein Bestes versuchen und Frankreich eine Blindbewerbung schicken. Falls es im ersten Anlauf nicht klappt, werde ich mich noch bei meinen Züri-Freunden informieren, dort kennen die Leute zum Teil geradezu erschreckend viele Wege, sich um Wohnungen zu bemühen, die eigentlich gar nicht zu vermieten sind**.



Liebes Frankreich, liebes Hochsavoyen

Bei meinem abendlichen Spaziergang heute wurde ich auf die oben abgebildete Immobilie aufmerksam. Da ausser dem Turmzimmer*** im Moment kein Teil des Objekts bewohnt zu sein scheint, werden Sie sicher mit Freuden meine hiermit vorgelegte Bewerbung als Hauptmieterin der beiden oberen Stockwerke entgegennehmen.

Der Ausbaustandard ist zwar ziemlich 1573, trotzdem habe ich das untrügliche Gefühl, dass man das hübsche alte Gemäuer durchaus als wohnliches Refugium umnutzen könnte - eventuell müsste man gemeinsam über die Installation einer Zentralheizung nachdenken, ich würde aber auch eine Wiederinbetriebnahme der offenen Kamine begrüssen. Im Gegensatz zu vielen anderen potentiellen Bewohnern störe ich mich mitnichten an dem schmucken Café im Innenhof. Unter der Voraussetzung, dass der äusserste Tisch permanent für mich freigehalten wird, werde ich unumwunden erlauben, dass der Betrieb in gewohnten Bahnen weiterläuft.


Dass ich keine richtige Französin bin, hindert mich nicht daran, die glühendste Patriotin zu sein, die Ihr Land sich je wünschen konnte****. Überdies bin ich eine treue Freundin Ihres Nationalgetränks und jederzeit bereit, mir den Eiffelturm auf den Hintern tätowieren zu lassen, falls das meine Motive in Ihren Augen genügend untermauert. Meiner Meinung nach bin ich somit höchst qualifiziert als Mieterin Ihrer Residenz.

Bitte teilen Sie mir mit, wann wir zusammensitzen können, um die Details zu klären. 

Hochachtungsvoll und treustens ergeben, vive la France, cuisses de grenouille,
Ihre Liese





* oder eben in diesem Fall ein Ehrenmitglied eines französischen Gerichts oder Staatsarchivs oder einer Erbsenzählanstalt.

**In dem Fall aber häufiger, weil sie schon fast vor der Kündigung des letzten Mieters an den nächsten vermietet sind. Hier handelt es sich um ein Objekt, das noch gar nie vermietet war. Aber wer nicht wagt…

*** Und auch dort vermute ich stark, dass der einzige Mieter eine Zeitschaltuhr für die hübschen Lampen ist.

**** Da könnt ihr noch lange Präsidenten wählen, die so farblos sind, dass sie sich erstmal eine medienwirksame Affäre mit einer Schauspielerin zulegen müssen, um von der internationalen Presse wahrgenommen zu werden. Oder eure weitaus charaktervolleren Ex-Präsidenten wie Schulbuben ohne Helm mit der Freundin hinten drauf Töffli fahren lassen. Es ändert sich nichts! Ich liebe euch!

Leute wollen halt berühmt sein.

Als ich klein war*, wusste ich alle drei Wochen erneut sehr genau, was ich werden wollte, wenn ich denn mal gross sei. Eine berühmte Tierärztin, eine berühmte Opernsängerin, eine berühmte Detektivin**, eine berühmte Komponistin, eine berühmte Werbetexterin, eine berühmte Bootsbauerin… Sprich: Meine Zukunftsvisionen deckten im Laufe meiner Kindheit fast alle Berufsspektren irgendwann ab - die einzige Gemeinsamkeit aller Pläne bestand darin, dass ich auf alle Fälle berühmt werden wollte.

Warum, weiss ich bis heute nicht so genau. Und weil mittlerweile jeder im Internet so tun kann, als sei er irgendwie berühmt, finde ich es jetzt auch nicht mehr ganz so dringend. Es ist halt immer noch wie damals im Sandkasten: Was alle haben, ist langweilig. Das Thema hat mich lange nicht mehr beschäftigt, bis ich heute ein grandioses Interview entdeckte, mit einem, dem die Berühmtheit offenkundig nicht nur gut getan hat. Die beste Erkenntnis daraus zitiere ich gern:

Fame is like being at a party, and getting invited into the cool room even the VIPs can’t get into, then the even cooler, more exclusive room after that. Eventually you end up in a cubicle on your own, asking, ‘Am I having fun?’ Noel Fielding

Das ganze, sehr lesenswerte Interview findet man übrigens beim Guardian.




*, obwohl gewisse Leute ja finden, hundertfünfundsechzig Zentimeter sei immer noch eher klein,

**der Widerspruch war damals für mich noch nicht so augenfällig.

Verbrechen der Grammatik*.

Eine Empfehlung aus dem Hause Wundermann, wo man als Freund der korrekten Schreibweise gerne mal als Mitglied der nationalsozialistischen deutschen Orthografiepartei betitelt wird. Weird Al hat sich des Problems, dass im Internet auch die schreiben dürfen, die sich dabei keine Mühe geben, äusserst liebevoll angenommen. 

Die neidlos zu attestierende Tanzbarkeit des Originalsongs geht dabei keineswegs verloren. Bravo!





* Obwohl es eigentlich wenig mit Grammatik, aber viel mit Rechtschreibung zu tun hat.