Es war ein hektischer Tag gewesen - Hobby-Astrologen hätten sicher die Sterne beschuldigt, Religionsfundis die Lage in Israel, Science Fiction-Freunde vielleicht die langsame Übernahme der Erde durch Aliens, die sich als äusserst dumme Kunden des Dienstleistungssektors tarnen und so in der arbeitenden Bevölkerung Zwist säen, weil irgendwann alle Geduld ausgegangen sein wird.
Das Wetter schien heute jeden in dieser Stadt einzeln und höchstpersönlich verarscht zu haben: Die Leute links und rechts von mir standen durcheinander in Shorts und Sandalen, Herbstmäntelchen mit zu den Leggins passendem Schal oder mit Wollmütze und Regenjacke auf dem Perron herum.
Wer sich nicht mit Gratiszeitung und Telefon zu beschäftigen wusste, starrte wie ich selbst mit trotziger Müdigkeit im Gesicht untätig in die Luft, auf dass das Blecherne Ross endlich kommen würde, in dessen Bauch wir uns täglich wie Frachtgut verladen, damit es uns nach Hause schleppt.
Auf dem Gleis hinter uns war der Zug längst eingefahren und hatte die entsprechende Perronseite schon praktisch leergesaugt durch seine schiebetürigen Schlunde. Doch vor einer jener Pforten in die teppichgepolsterte Ruhe der ersten Klasse stand noch ein geschäftiger Herr von kleinem Wuchs und sprach aufgeregt in sein Telefon. Er drückte dabei immer wieder auf den Knopf, wenn die Türe zur Schliessung anhob. Ganz offensichtlich wollte er den Zug gerne noch besteigen.
Sicher wäre es viel angenehmer gewesen, sich schon mal in einen der breiten, kühlen Erstklasssitze zu fläzen und das Gespräch dort bei weniger Hintergrundgeräuschen fortzusetzen. Ob dieser kleine, fein angezogene Herr sein Telefonat noch draussen beenden wollte, um seine Mitreisenden nicht zu belästigen? Diese Variante fand ich beinahe rührend. Oder hatte er etwas zu besprechen, das niemand hören durfte? Telefonierte er mit Absicht an einem lärmigen Ort, damit er schlechter belauscht werden konnte?
Mittlerweile hatte ich den Herrn längst erkannt. Ich hatte mich an einen Zusammenstoss mit ihm in ebendiesem Bahnhof erinnert, vor fünf Jahren, als ich noch Studentin und er noch Bundespräsident war. Ich hätte abbremsen müssen, dann wäre es nicht passiert. Wir hatten uns beide entschuldigt, und er hatte mir gute Reise gewünscht. Ich war seltsam froh, ihn dort wohlauf zu sehen, vor der Erstklasstür, in sein Gespräch vertieft.