Ich war gestern beim Grossverteiler meines Vertrauens, um mich mit dem Schreibwerkzeug meines Vertrauens für ein weiteres Jahr im Schuldienst auszurüsten. Dabei hat sich das folgende Schreiben aufgedrängt:
Liebes Migro*, liebe Caran d'Ache
Seit meinem Umstieg vom Druckbleistift auf den Kugelschreiber vor ca. acht Jahren habe ich mich immer wieder vertrauensvoll an dich gewandt, um mein Lieblingsmodell in dutzendfacher Ausführung zu erwerben. Ständig verlegte oder verlieh ich die Dinger, oder sie tauchten mir in Hörsälen, Handtaschen und Hosensäcken davon. Glücklicherweise musste ich deshalb meist auch nicht lange suchen, bis ich auf der Waschmaschine, im Wanderrucksack oder in der Westentasche ganz zufällig wieder eines der guten Stücke fand. Ja, wenn man wollte, hätte man vermutlich ein kleines Haus aus all den blauen 825ern bauen können, die ich in meinem Leben schon besessen oder zumindest benutzt habe.
Heute stand ich also mit diesem Gedanken im Kopf vor einem deiner Gestelle, liebes Migro. Und du hast mir das folgende ebenso verwirrende wie verlockende Angebot unterbreitet:
Einem unerschütterlichen Instinkt folgend, perschte meine Linke vor, um eines der Zehnerkistchen herunterzuangeln**, doch ich stockte. Die lange erfolgreich unterdrückte Ökotussi in mir schlug leise vor, ich könnte ja das wiederverwendbare Modell nehmen. Das in der agressiven Farbe und mit den Ersatzminen für sensationelle 5 Franken 20. Moment, das “sensationell” hatte ich vermutlich aus einer der Lautsprecherdurchsagen hineingeschnitten. Item.
Meine innere Ökotussi hat mich noch nie wirklich überzeugt. Deshalb schreibe ich euch nun, liebes Migro, liebe Caran d'Ache. Ihr hättet glaub schon das Zeug dazu. Mindestens einer von euch beiden, vorzugsweise halt der, der für die Verpackung der im Migro verkauften Caran d'Ache-Produkte verantwortlich ist***, müsste da ein paar Argumente beisteuern.
Es kann einfach nicht sein, dass ich im Internet recherchieren muss, wie lange denn eine Füllung dieses vergleichsweise teuren Mehrwegschreibgeräts schreibt****, und dann nicht einmal herausfinden kann, wie lange die Einwegvariante Farbe gibt. Wahrscheinlich ist letzteres Modell einfach zu gut, so dass den potentiellen Kunden die Nachhaltigkeit grad wieder am Heft vorbeigeht, wenn sie es herausfinden.
Aber ehrlich, liebes Migro, liebe Caran d'Ache: Wieso kann man nicht auf der Rückseite der Nachfüllpatrone Goliath zumindest lesen, wie viel länger diese im Vergleich zu einem Einwegkugelschreiber hält? Oder wenigstens wie viel man spart, wenn man seinen Bedarf drei Jahre lang mit Nachfüllpatronen anstatt neuen Einwegkulis deckt? Oder, und das wäre dann das allermindeste, ein fröhliches Zwinkersmiley mit erhobenem Daumen und einem aufmunternden Spruch: “I see you’re trying to save the earth - good for you, man!”
Ich war auf jeden Fall schwer verwirrt. Bitte machen Sie uns das mit der Nachhaltigkeit etwas einfacher, wenn Sie können.
Treu ergeben,
Ihre Liese
*Da wo ich aufgewachsen bin, ist “Migros” sächlich. Warum, ist egal. Coop ist auch sächlich, weil man sagt: “Ich gehe noch ins Konsum”, in das Konsum. Völlig logisch.
**Ist das überhaupt ein Wort, “herunterangeln”? Völlig unlogisch.
***Caran d'Ache würde selber glaub ich nie seine hochwertigen Zauberstäbe einfach so profan in Plastik und Karton verpackt verkaufen. Auf der Firmenhomepage finde ich mein Lieblingsmodell nicht mal, so billig ist es.
**** 600 A4-Seiten. Die will ich erst mal sehen.