Angesichts der aktuellen Situation in Europa fällt es mir schwerer denn je, mich im Internet nicht politisch zu äussern. Ich ärgere mich aber weiterhin gerne halböffentlich, bzw. so öffentlich man mich eben lässt, über lieblos und schlecht gewählte Floskeln in journalistischen Texten, Kommentaren und eigentlich jedem verschriftlichten Gugus, den irgendjemand im Internet hinterlässt.
Besonders inflationär scheinen diese gebraucht zu werden, wenn es eigentlich gar nicht um verbalen Ausdruck geht, sondern darum, Bilder zu verbreiten und darunter noch eine Zeile Text zu haben, weil das die altmodischen Leser selbst online so erwarten. Auftritt: Die Fotoschau mit komplett austauschbaren Bildunterschriften. Und meine Augen fangen von ganz allein an zu rollen, wenn sie darin diesen einen Satz streifen: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Meine Güte!*
Ein Bild sagt nie mehr als tausend Worte! Tausend Worte sind verdammt viel! Mit tausend Worten kann man sicher mindestens drei Bilder erzählen! Und Worte sind mächtiger als Bilder. Mächtiger im Sinne von „mehr vermögend“ im Sinne von „zu mehr fähig“ im Sinne von „sie können mehr“. Nicht unbedingt von mächtigerem Ausmass. Nicht mal „Zusammengehörigkeitsgefühl“ oder „Fussbodenschleifmaschinenverleih“ schlagen Rembrandts Nachtwache in ihrer Monumentalität, und dabei sind das doch Wörter von ordentlicher Länge, Breite und Tiefe**.
Worte haben die Macht, bei ihrem Empfänger die wildesten Assoziationen auszulösen, die buntesten Bilder zu malen und die abstraktesten Kombinationen von Ideen dicht nebeneinander zu stellen. Ein Bild hingegen sättigt sehr stark, indem es Details verrät, die wir uns sonst selbst ausmalen würden, was uns wiederum die Möglichkeit böte, etwas über uns selber zu lernen. Bilder sind enger als Worte.***
Ich habe versucht, über dieses Problem, das mit den Bildunterschriften, mit einem vernünftigen, gebildeten Artgenossen meines Alters zu reden. Er verstand zuerst nicht recht. Als er schliesslich doch sah, was ich meinte, schaute er mich entgeistert an und sagte: „Ja, aber das liest ja auch niemand.“
Und ich so:
* Wenn ihr so fest an die Kraft des Bildes glaubt, dann lasst es doch für sich selbst sprechen. Gebt der Slidseshow einen passenden Titel, zum Beispiel „Zwanzig schreckliche Bilder menschlichen Elends“ und dann pappt die Fotos drunter. Ihr müsst nicht zu jedem Bild noch einen Untertitel erfinden, der dann doch nichts sagt.
** Ich habe Rembrandts Nachtwache noch nie von Angesicht zu Bildgesicht gesehen. Das ist aber fest in Planung. Die Gründe dafür sind lächerlich und – sofern man so etwas denn selber attribuieren darf – recht liebenswürdig. Sie würden aber vielleicht die Tausendwortgrenze sprengen.
***Oder sie sprechen eine andere Sprache; eine, die ich nicht gut verstehe. Das wäre dann so, wie ich denke, dass Lettisch keine besonders schöne Sprache ist. Wenn ich Lettisch verstünde, wäre das sicher auch anders.
For your information, als Belohnung, wenn du bis hierher gelesen hast: Dieser Text umfasst genau 479 Wörter. Jetzt überleg mal. Noch mal so viel und ein bisschen dazu. Da müsste ein einziges Bild schon ziemlich lange reden!